Ischgl, oder: Sündenbockpolitik als Eingang zum Untergang?

Es ist nicht das erste Mal, dass dem Paznaun eine Welle der Empörung entgegenschlägt…

Ich kann mich noch gut an das Lawinenunglück in Galtür erinnern. Keinen Tag, nachdem das Wetter aufklarte empörten sich die ersten Stimmen, dass man die Lawinensperren „absichtlich“ aufrecht erhält, um „Gewinne durch eingesperrte Touristen“ zu machen.

Das war natürlich völliger Blödsinn, doch die Politik war unter Druck, und so wurde eine „internationale Hilfsaktion“ mit Superjolly und Blackhawk (damals noch nicht in österreichischem Besitz) gestartet, und die armen Touristen (aus ihren Wellness-Hotels) auszufliegen.

Ein paar Tage später ging die Sperre auf, und die Ausgeflogenen kapierten, dass ihr Auto noch im Paznaun steht…
Klagswellen wegen Verdienstentgang und für Rückholkosten, Entschädigungen …

Eine Entscheidung über Zwangsmaßnahmen aufgrund von Aussnahmesituationen zu treffen, ist extrem schwierig.

Besonders, wenn die Lage unklar ist, wie heuer im Frühjahr:
SARSCov2 ist bereits in Italien angekommen und steht „an der Grenze“. Die Zahlen sind besorgniserregend und die Prognosen „horrible“.

Auf der anderen Seite stehen wirtschaftliche Interessen, die Gefahr, dass einer Branche der Boden unter den Füßen weg gezogen wird.

Es ist eine Lose Lose Situation für den Entscheider:
Sperrt er ab, so wird ihm vorgeworfen, überreagiert zu haben, da die verhinderte Katastrophe nicht nachweisbar ist.
Sperrt er nicht ab und es kommt zum Ausbruch, sieht er sich einer Klagswelle und tausenden Besserwissern gegenüber, die darauf hinweisen, dass man ihn gewarnt hat, und dass er daher aus Gier Menschenleben riskierte.

Halt, Halt, Halt! – Nein, wir missverstehen uns! Ich schreibe noch nicht von Ischgl!
Ich schreibe vom Fasching und vom Karneval! Dort wurde unter selben (wirtschaftlichen) Kriterien entschieden, wie für Ischgl, nur gings dort (zumindest oberflächlich gesehen) gerade noch gut aus.

Eine Katastrophe hat mindestens hundert Einzelkomponenten und oftmal nur einen Initialfaktor.

Für die Entscheider in Ischgl (jetzt bin ich erst angekommen) standen nun die Warnungen aller Seiten (Wirtschaftsentgang und entspr. Klagsdrohungen vs. Expertenwarnungen, die allerdings schon im Fasching vorlagen).

Langer Rede kurzer Sinn: Den letzten beißen die Hunde, und Ischgl war nun der Hotspot.

Ob tatsächlich alles aus Ischgl kommt, oder der Alpen-Ballermann nur der Schmelztigel verschiedenster Herde war (Von Karneval bis Barkeeper), wird wohl nicht mehr klärbar sein.
Ob die Entscheidung der lose-Lose Situation fahrlässig war, wird gerade ermittelt, während sich die Schadenersatz-Industrie und die Presse schon festgelegt haben.

Die Situation in Ischgl war nicht anders, als in anderen Tourismusgebieten.

…und ganz Europa (ausser Italien) nahm SARSCov2 noch realtiv locker.
Niemand ergriff Vorsichtsmaßnahmen.

Hierfür gibt es, meiner Meinung nach, einen driftigen Grund: Angst vor Schadenersatzklagen.

Wie bereits erwähnt: Wenn man Glück hat und nichts macht, dann bemerkt niemand was. Wenn man absperrt und dadurch eine Katastrophe verhindert, sieht man sich sofort Schadenersatzklagen gegenüber, welche gute Aussicht auf Erfolg haben (verhinderte Katastrophen kann man nicht beweisen).

Also hofft man darauf, dass man nicht der Letzte ist, auf den die Dobermänner der Anwälte warten.
Für einen geht’s schief, und die anderen können von allfälligen Indizien mit Fingerzeig ablenken.

Die Touristen wussten über die drohende Gefahr bescheid, interessierten sich aber nicht dafür.
Warum auch, man hat den Urlaub bezahlt und will was dafür. Und auch für sie kommt der Sündenbock jetzt gerade recht, denn man kann nicht nur Schuld von sich weisen, sondern als Opfer nun vlt. sogar noch Profit daraus schlagen.

Ob das die richtige Vorgangsweise für Katastrophen ist, wage ich zu bezweifeln.

Der Evaluierungskreislauf, oder banal ausgedrückt „Trial and Error“, ist essentielles Fundament für jenen Lernprozess, der uns für zukünftige Katastrophen fit macht.

Die Klagsindustrie unterbricht diese Schleife, weil nicht mehr Risiken und Sachkriterien entscheiden, sondern ausschließlich juristische Fragen.

Die Folge: Entscheidungen werden nicht mehr getroffen, stattdessen nutzlose Empfehlungen und juristische Erklärungen. Zeit verrinnt.

Nun haben wir aber dringendst wichtige und weitreichende Entscheidungen zu treffen.

SarsCOV2 ist von der Infektiösität her ein „gutes Beispiel“ für eine Pandemie, aber von möglichen Auswirkungen her ein „Lercherlschaß“.
Die Krise zeigt aber viele Achillesfersen unserer abgehobenen Gesellschaft auf.
Weiters zeigt das Virus die Schwächen und die lähmende Wirkung unseres Sündenbock-Denkens und -Handelns auf.

Das „versteckte Potential“ einer Katastrophe, die bei SARSCov2 eine Inkubationszeit von gut zwei Wochen darstellt (inklusive noch immer nicht sauber geklärter Infektionsperiode), beträgt beim Klimawandel wohl mehrere Jahrzehnte.
Juristischer, medialer Druck und der Ruf nach dem binären ultimativen Beweis der drohenden Katastrophe verunmöglicht Handlung.

Wir haben gezeigt, dass wir erst (juristisch) reagieren, wenn Feuer am Dach ist und die Katastrophe im Haus angekommen ist.
Bei SARSCov2 heißt, das, dass Entscheidungen, die wir heute treffen, in ca. 14 Tagen greifen.
In Sachen Klimawandel heißt das, dass Entscheidungen, die wir vor mehr als 20 Jahren getroffen haben, Heute Auwirkung zeigen und dass Entscheidungen von heute, in zwanzig Jahren greifen.
Wenn ich bedenke, dass Entscheidungen dann noch (aus juristischen und wirtschaftlichen Gründen) mit jahrzehntelanger „Übergangsfrist“ (inkl. Verlängerung und Verlängerung der Verlängerung) wirksam werden…
Wenn die Auswirkungen für Panik ausreichen und keiner „Gegenexpertise“ mehr geglaubt wird, wird man Maßnahmen setzen.

Die erste Folge wird „Wirschaftskrise“ sein, dann Krieg und den Rest erledigen Seuchen und Hunger.
Die Hauptenergie wird man in dieser Zeit für die Suche von Sündenböcken verprassen.

Und das selbe Problem in der Flüchtlingsfrage:
Die Hauptarbeit ist die Suche von Sündenböcken und „Sofortmaßnahmen“.
Eine „Pflasterlpolitik“, die an Ursachenbekämpfung vorbei geht, weil die Hauptursache (die Ressourcenkriege) in der „ich darf nicht Schuld sein“ Gesellschaft leicht verdrängt werden kann.
Man baut Dämme und wenn diese voll sind, wirft man Sandsäcke drauf.
Ignorierend, dass sich das Wasser hinter dem Damm weiter aufstaut…

Aber zurück zu Ischgl und die Konsequenzen.

Ich gehe mal davon aus, dass der mediale Druck und die social-Web-Empörungs-Community ausreichen werden, um Landes- und Bundesregierung für Ischgl exklusiv veratnwortlich zu machen und die Eigenverantwortung der Einzelpersonen unter den Tisch fallen zu lassen.
Es besteht kein Interesse, die Ballermann-Industrie und die fehlende Eigenverantwortung zu hinterfragen.

Apropos Ballermann: Auch wenn die Behörden wohl nur unter Druck reagierten, hat man aus Ischgl offenbar zumindest dort gelernt, und früh genug die Notbremse gezogen.
Ob’s zum (wirtschaftlichen) Nachteil war, wird man feststellen. Andere Meinungen gibt es jedenfalls.

Die konservative Tiroler Massen-Tourismus-Industrie scheint eher nichts daraus zu lernen. Das erledigt aber evtl. die Evolution, wenn „Premium-Tourismus“ der Action-und-Saufwut den Rang als Modetrend abrennt. – Geht aber jetzt eher zu weit vom Thema weg…

Die Konsequenzen aus der Sündenbockpolitik (und ich möchte festhalten, dass ich das unabhängig von „tatsächlicher juristischer Schuld“ sehe) shehen wir heute schon in den „neuen Covid Maßnahmen“, die nichts mehr anderes sind, als unverbindliche, mehrdeutige Empfehlungsmaßnahmen, welche die Verantwortungsdiffussion schon überstrapazieren.

Ich würde plädieren, dass – gerade bei erstmaligen – Ausnahmesituationen die Fehlertoleranz extrem hoch gedreht wird und dass die Schuldfrage hier wohl zweitrangig sein sollte.
Man kann natürlich anderer Meinung sein, aber ich denke…

dass diese Kultur in einer gröberen Ausnahmesituation zum kompletten Zusammenbruch unserer Gesellschaft führt…

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