Offener Brief an Kanzler Sebastian Kurz

Geschätzter jüngster Kanzler der österreichischen Geschichte.

Ärzte ohne Grenzen / Médecins Sans Frontières (MSF) ist eine professionelle Hilfsorganisation, deren Mitglieder teils unter Gefahr für Leib und Leben jenen Menschen hilft, die durch Terroristen, Kriegstreiber und Hetzer in größte Not geraten.
Die Gründung dieser Organisation erfolgte von Dr. Marcel Delcourt, Dr. Max Recamier, Dr. Gerard Pigeon, Dr. Bernard Kouchner, Raymond Borel, Dr. Jean Cabrol, Vladan Radoman, Dr. Jean-Michel Wild, Dr. Pascal Greletty-Bosviel, Dr. Jacques Beres, Gerard Illiouz, Phillippe Bernier und Dr. Xavier Emmanuelli im Dezember 1971.
Das ist fast 15 Jahre vor ihrer Geburt.
Seit dem lindern diese Menschen Leid und Not, welches durch Kriege, Katastrophen und deren Folgen geschaffen wird.

Damit stehen die Mitglieder dieser Organisation im krassen Gegensatz zu jenen wirklichen Verbrechern, die aus Profit- und Machtdenken Menschen in Not bringen, sterben lassen oder gezielt in den Tod schicken.

Keine Frage: Es gibt in jeder Organisation Korrupte, Verbrecher und solche, die das System ausnützen.
Davor sind weder politische Parteien, noch NGOs geschützt. Und auch Flüchtlingsströme enthalten Schmarotzer und Verbrecher. Diese zu isolieren gilt es und das ist, unbestritten, am Besten innerhalb der Organisation möglich.
Kräfte von Aussen können nun die „Heilkraft“ einer Organisation stützen, indem man sich auf Selbstverantwortung von Personen konzentriert und Handeln in Vergleich mit den Zielen der Organisation setzt, oder den Verbrechern helfen, indem man Pauschalsiert und damit den Betrügern ein Versteck schafft und durch Anfeindung Menschen in die Hände der Rattenfänger jagt.
Die Art, wie wir damit umgehen, ob wir die destruktiven Personen fokusieren und sie aus ihrer Deckung zerren, oder ob wir Organisationen und ethnische Gruppen denunzieren, weil wir dies für unseren Populismus nützen, sagt viel über uns selbst aus.

Ich bin seit Jahren überzeugter Unterstützer von Ärzte ohne Grenzen

Mit ihren Aussagen bezeichnen sie mich als Unterstützer von Verbrechern.
Dies weise ich hiermit entschieden zurück: Wer in unserer Welt seine ethische Verantwortung wahr nimmt, ist kein Verbrecher.
Und wer diese Helfer unterstützt, der unterstützt keine Verbrecher.
„Entweder Sie sind für uns, oder sie sind für die Terroristen. Und wir werden keinen Unterschied machen, zwischen den Mördern und ihren Unterstützern“.
Mit diesen gezielt polarisierenden und erpresserischen Worten leitete George W. Bush den Beginn jenen Prozess ein, welcher für diese Masse an Flüchtlingen hauptverantwortlich ist und heute noch andauert.
(Als dies begann, waren Sie grad‘ mal 15 Jahre alt.)
Solche Worte sind der Ursprung jenes Leids, deren Milderung eigentlich unser Hauptziel sein sollte, wenn wir zukunftssichere Politik anstreben, die unseren Wohlstand erhält.
Die Alternative sind „Inselbildungen“, wie sie von der NIC in ihren Zukunftsszenarien beschrieben wird. Diese Inselbildungen gehen mit Massen an Verlieren und nur ganz wenigen (gewalttätigen) Gewinnern einher. – Ist das ihr Ziel?
Ich möchte sie daran erinnern, dass Menschenrechte und Flüchtlingskonvention in unserer Verfassung verankert sind, und dass die Demokratie Österreich in ihren glorreichsten Zeiten weltweit als Vermittler und Friedensstifter höchstes Ansehen hatte.

Ich bin überzeugter Christ.

Und da sie Vorsitzender einer christlichen Partei sind, wende ich mich auch auf dieser Ebene an Sie. Dass sie diese „christliche“ Definition nicht abgelegt haben sieht man alleine daran, dass sie das Kreuz in öffentlichen Räumen verteidigen, während sie konkurrierende Religion versuchen aus dem öffentlichen Leben zu drängen, um die nahezu monopolartige Stellung der katholischen (christlichen) Kirche zu sichern.

Ich bin allerdings nur Katholik am Papier, nicht im Herzen. In meiner Überzeugung halte ich mich an die Grundsätze, welche im Evangelium als Worte von Jesus dargestellt werden.
(Angemerkt: Einer dieser Grundsätze wäre „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist…“ und stellt damit absolute Säkularität – die Trennung von Religion und Macht – als höchstes Ziel einer christlichen Partei in den Vordergrund)

Diese Lehrsätze der Menschlichkeit, welche sich großteils in den Menschenrechten und anderer humanitärer Gesetzgebung wieder spiegeln, werden meines Erachtens derzeit vergewaltigt und mit den Füßen getreten;
Ja sogar heuchlerisch als Ausrede für Hetze, Fremdenhass und Gewalt beschmutzt.
Ich halte mich an diese Grundsätze und werde daher nicht über ihre Handlungen und Worte richten.
Ich habe nicht ihre Schuhe an, und Sie werden ihre Gründe für ihre Entscheidungen hoffentlich selbst kennen.
Gründe in der Art von Eigennutz, Wahlstrategie, Parteipolitik, Wirtschaftslobbyismus, Loyalität zu Freunden und Gönnern, Geschäfte genauso, wie  Menschlichkeit, Verantwortung und Gewissen.
Letztere Ansätze kann man bei ihnen sporadisch erkennen, wenn sie davon sprechen, dass wir keinen transparenten Bürger, sondern transparente Politik benötigen;
Dass Integration und Inklusion Wechselwirkung darstellt und keine einseitige Schuld…
Leider bekommt man sehr schnell das Gefühl, dass sie gegenteilig handeln und entscheiden.

Aber vielleicht sind die Worte und Ideen gar nicht von Ihnen, sondern von ihren Einflüsterern, Beratern, Gönnern und sie genießen nur den Status, das gute Einkommen und das Ansehen.

Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, dass da draußen viele Menschen in Not durch ihre Entscheidungen in noch größere Not kommen und daher Organisationen, wie Ärzte ohne Grenzen umso wichtiger werden.

Ich möchte daher an Sie appelieren, nachzudenken.

Ich möchte Sie bitten, ihrer menschlichen Seite zuhören.
Ich möchte Sie bitten, ihre politischen Entscheidungen nicht nur auf die Wahl und ihren Machtkampf gegen den Koalitionspartner und die Opposition auszurichten, sondern an die Zukunft Österreichs und dieser Welt zu denken.
Denn vielleicht haben Sie irgendwann Kinder, die auf dieser Welt und in diesem Land weiter leben müssen.
Sie werden Herausforderungen entgegen sehen wie Ressourcenknappheit, steigender Nationalismus, steigende (Bürger)Kriegsgefahr durch immer mehr komplexere und weitläufigere Macht- und Gewaltstrukturen durch hohe Verfügbarkeit an Waffen und Vernetzung.
Population Movement aufgrund dieser Gewalt und Auswirkungen des Klimawandels.
Spannungen auch innerhalb der Länder durch Terrorismus, Bürgerkriege und Kampf um nutzbare Flächen…
Wir legen die Fundamente für die Zukunft, oder wir konzentrieren uns nur auf uns. „Ich zuerst“ als Devise. Dann dürfen wir uns aber nicht wundern, wenn uns unsere Kinder anklagen und wir als Schmarotzer und Zerstörer die Geschichtsbücher füllen, soferne es dann noch Geschichtsbücher gibt.

Ich bitte Sie, weniger die Arbeit von Hilfsorganisationen zu blockieren und deren Ruf zu schädigen, und sich um ihren Bereich in der Herausforderung Zukunft zu stellen. Es liegt nämlich in Ihrer Mitverantwortung den Fokus auf jene Vorgänge zu setzen, welche dieses Leid erst auslösen: Überkonsum, Ressourcenkrieg…
Ich bin mir nämlich sicher, dass der Hauptteil jener Menschen, die sich derzeit als „Flüchtlinge“ auf dieser Welt bewegen, keineswegs freiwillig unterwegs ist und gerne wieder zurück in seine Heimat möchte. Auch wenn diese zerbombt und zerstört wurde.

Auch um das zu ermöglichen arbeiten NGOs, wie Ärzte ohne Grenzen, hart daran, diesen Menschen ihr Leid zu mildern.

Im Voraus für die Erfüllung dieser Bitte, und für all Ihre Entscheidungen und Taten,
ein herzliches

„Vergelt’s Gott“.

aus Tirol.
mit freundlichen Grüßen

Kurt Weiß

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