Über Smartphones, den Walkman und kompetente Lehrer…

Der Auslöser dieses Gedankens…

…die restriktiven Vorgaben für Smartphones in der HTL meines Sohnes.
…eine (IMHO obsolete) Diskussion darüber, ob ein Smartphone überhaupt in die Schule mitgenommen werden sollte.

Für mich kein Thema, ist doch das Smartphone heute eines der wichtigsten Kommunikationskanäle, und sozialpsychologischen Allzweck-Werkzeuge.
Allerdings sieht das nicht JedeR so.

Gegenargument: Wer zwingt die Leut, das Ding überhaupt in die Schule mitzunehmen? Als ich in der Schule war, kamen grad Walkmen auf. Meine Eltern hätten mir nie erlaubt, meinen mit in die Schule zu nehmen…“

Ein Schmunzeln; Nein: Ein verklärtes Lächeln und ein breites Grinsen zeichnet sich in mein Gesicht…

…bei dem Gedanken an meine Schulzeit und den Walkman.

Wir befinden uns irgendwo in den Achzigern…

…ein, sich durch das Leben kämpfender Teenager besucht eine HTL in Innsbruck.
Die Überlebensstrategie in der „Sturm und Drang Zeit“? Musik.
Zum Schaden für seine nähere Umgebung befindet sich in seinem Besitz eine Stereoanlage.
Mit dem Aufkommen des Walkmans erweitert sich allerdings sein Spektrum um die Möglichkeit, die Umwelt zu schonen und mobil zu sein.

September, Schulanfang…

Erste Schulstunde beim schlimmsten Professor der ganzen Schule, ja ich würde sogar sagen „von ganz Innsbruck“.

Unser gesagter Rebell hat seinen Kopfhörer umgehängt, und seinen Walkman in der Tasche.
Rotes Gesicht, Zornesröte steht dem Professor im Gesicht, „Das legen’s das in den Spind! Bei mir gibt’s das nicht!“.
Ein gleichgültiger Blick, ein müder Griff mit der linken Hand an den Kopfhörer. (Die rechte Hand war im Gips) und das Objekt des Zornes wandert in die Schultasche.
„Der Weiß scheint Watte in den Ohren zu haben“.
„Ich lege meinen Kopfhörer nicht in den Spind“.
„Na, dann werden’s wohl diese Klasse wiederholen“

Ich war der Meinung, es gibt keinen Lehrer, bei dem ich nicht eine Eins haben kann, wenn ich will. Aber die Zwei war dann wohl ein guter Kompromiss…

Die Zeit vergeht und der Walkman war immer dabei. Im Bus, in der Pause, Mittags,…
Geistig abschalten, Musik hören, sich beruhigen. – Hat wohl mir und meiner Umgebung viel Probleme und so manchen blauen Fleck erspart.

…Der nächste Lehrer, ein anderer Tag zu später Stunde in der 5. Klasse…

Die dies-schuljährliche Matura zeigt längst tiefe Furchen im Nervenkostüm von Schülern und Lehrern.
Oder anders ausgedrückt: „Wenn der toleranteste Professor die Nerven wegwirft“…

„Weiß, gehen sie an die Tafel und rechnen sie mit der Klasse dieses Beispiel“.
Eine Stunde Statikunterricht bei einem Grundlevel von irgendwo 50-70dB(A) lassen den gutmütigsten Menschen (innerlich) kochen.
Aber die Maßnahme wirkt, und die Klasse versenkt ihre Köpfe in den Heften, während Weiß an der Tafel kritzelt.
Es läutet zur letzten Pause (das war so ca. 17:30 wenn ich mich richtig erinnere)…
Die ruhige aber bestimmte Stimme des Professors erhebt sich auf ein (führ ihn) Maximum (von ca. 40dB(A)): „Bleiben Sie auf ihren Plätzen! Wir haben viel Zeit verloren! Weiß: Rechnen sie weiter, die Klasse arbeitet auch die Pause durch. Ich hole mir jetzt einen Kaffee, den habe ich mir verdient.“

Kaum hat der Professor die Klasse verlassen, gehe ich an meinen Platz und nehme mir aus der Schultasche den Walkman raus, schalte die Musik ein und rechne weiter…

„Der Lehrer!“ „Der Lehrer!“…

Das Ende der Pause läutet, der Professor wird jeden Moment zurück kommen und das gut gemeinte „Flüstern“ der Klasse war sogar durch die Kopfhörer nicht zu überhören. Ich aber hatte keine Lust darauf zu reagieren.
Während ich weiter auf der Tafel schreibe, erkenne ich den Professor im Augenwinkel, wie er mir zusieht und spüre die Spannung der Klasse in meinem Rücken…

„Jemand“ klopft mir auf die Schulter, ich drehe mich um.
Der Professor macht eine sanfte Handbewegung, als würde er sich einen Kopfhörer vom Ohr nehmen, ich hänge meinen um um meinen Hals.
Sanft erklingt seine Stimme:
„Weiß, geben’s mir bitte den Walkman“.
„Aber nicht kaputt machen, Herr Professor“. (Meine Stimme lag im Flüsterbereich immer noch 5dB(A) über seiner)
„Fällt mir schwer aber ich versprech’s“. – Ich gebe ihn mein Gerät und er setzt sich ans Pult, während er mit einer Handbewegung deutet, weiter zu rechnen.

„Weiß?“

Ich drehe mich erneut von der Tafel weg und sehe den Professor mit dem Walkman in der Hand zu mir blicken.

„Ja, Herr Professor“.
„Haben Sie gute Musik drauf?“.
„Herr Professor! Ich habe nur gute Musik!“.
Sein Blick senkt sich auf das Gerät.
„Wie funktioniert das Ding?“
Ich zeige ihm die Play Taste und den Volume Regler.
Er schaltet ein, setzt sich den Kopfhörer auf, lehnt sich entspannt zurück und schaut mir zu, wie ich die Rechnung an der Tafel fertig stelle.

Es war selten, dass man in unserer Klasse nach 18:00h noch einen zufriedenen Lehrer und schmunzelnde Schüler sah…

Um die initiale Frage zu beantworten…

Wer zwingt die Menschen zu essen, zu kommunizieren, sozial zu interagieren, sich zu entspannen, Überlebensstrategien zu entwickeln oder einfach nur, ein sicheres Nest aufzubauen?

Niemand, ausser wir selbst. Unsere Bedürfnisse, unsere Sehnsüchte.

Das Smartphone ist weit mehr als ein simpler Walkman, aber es dient ebenfalls als Musikspender.
Das ist aber eine nur von vielen Funktionen, wie Kommunikation, Fotoalbum, Unterhaltung, Lexikon, Wegweiser, Entlastungswerkzeug usw…

Es ist ein höchst persönlicher Gegenstand, eine Art „magischer Privatraum“ mit viel Potential aber auch Suchtgefahr.
Und wie bei jeder Sucht sind die Ursachen in der Umgebung zu suchen.
Raum, Zeit, Gehör…

Sich in sein Smartphone einzusperren ist genauso problematisch, wie das Einsperren in seinem Zimmer zu unserer Zeit.

Wenn wir Menschen – besonders jungen Menschen – die Welt stehlen, machen sie sich eine neue Welt, zu der wir keinen Zutritt haben.
Eine Welt, welche bei den Erwachsenen Eifersucht und Angst auslöst…

Haben wir überhaupt noch Vertrauen, Wertschätzung und Unterstützung für unsere Kinder übrig?
Haben wir als Eltern, Lehrer oder einfach nur Verwandter oder Bekannter noch überhaupt einen Draht zu ihnen?
Verstehen wir ihre Ängste, Sorgen, Wünsche und Hoffnungen noch? Kennen wir sie überhaupt?

Oder wollen wir einfach ihr Leben kontrollieren, um sicher zu gehen, dass sie keinen Blödsinn machen?

Nur so, weil Vertrauen in die Fähigkeiten, Wertschätzung, dezenter Schutz, Raum, Zeit und Untersützung eigentlich alles ist, was Kinder und Jugendliche für ihre Entwicklung – und auch für’s Lernen – benötigen.

Denn für das Leben sollten wir lernen, nicht für die Schule. – Und dieser digitale „Hörknochen“(*) ist ein essentieller Teil ihres Lebens.

Man braucht nicht fragen, welcher der beiden Lehrer meinen tiefsten Respekt heute noch hat…

…und ich bin für den schmunzelnden Gedanken heute Früh echt dankbar.
Ich würde mir mehr solche Lehrer wünschen: Mit Feingefühl, Nervenstärke, Kompetenz und Humor.
Dann würden wir uns bedenkliche Restriktionen ersparen, und würden bestehende Resourcen nützen, anstatt sie weg zu sperren um im nächsten Schritt Pseudfortschritt auszurufen, indem man von „Tablet-Klassen“ träumt…

 

(*) Der Ausdruck „Hörknochen“ stammt aus dem Stück „Ritter Rüdiger“ von der Gruppe Bluatschink.
Eine jener harmlosen Geschichten, die wir zu träumen in unserem Erwachsenenleben verlernt haben…

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