Man sollte Dr. Google nicht fragen, aber wen soll man dann fragen?

Viele von uns kennen die Situation…

Magenschmerzen, ein Ziehen in der Brust, irgendwelche Probleme mit Hüfte und Knie, ein Unfall, umgeknackst oder einfach nur eine Gesundenuntersuchung:

Diagnose: Operation vonnöten…

Nun gilt es das Für und Wider abzuwägen. Ich stand mit 16 Jahren (wieder mal) vor so einer Entscheidung:
„70:30 dass sie ein Knie haben, wie neu“ – „Was sind die 30%?“ – „Es besteht eine kleine Gefahr, dass sie danach ein steifes Knie haben“ – „Danke, dann verzichte ich darauf“ – „Dann garantiere ich ihnen, dass sie mit 25 auf Krücken gehen“…
NEIN! Das ist keine Aufklärung, das ist keine Beratung, das ist unlautere Werbung und Manipulation.
Ich habe die Entscheidung nie bereut, und ich bin jetzt fast 50, laufe locker 15km und habe noch nie Krücken benötigt…

Eine Bekannte, eine Zigarette am Tag, nicht mehr. Diagnose: Lungenkrebs. Sie entscheidet sich gegen eine Operation für den sicheren Tod. Der Druck der Ärzte ist nicht ohne, die Manipulation weit unter der Gürtellinie.
Sie lebt noch ein halbes Jahr ohne Behandlung aber in Menschenwürde und kann die letzten Wochen noch genießen, bevor der Todeskampf beginnt…

Raus aus der Vergangenheit in die heutige Zeit.
Ob Knieoperation, Prostata, Gebärmutter oder Bandscheibenvorfall…
Die „Beratung“ des Arztes erfolgt im Interessenskonflikt des eigenen Einkommens.
Krankenhäuser haben Entlassungsmanagement und am Ende steht der Patient, inkl. seine Lieben, vor vollendeten Tatsachen.

Ja, das ist ein Effekt nach so einer Operation. Das kommt von … Diese Folgen sind ein paar Wochen zu spüren…

Man staunt nachher, warum so etwas nicht vorher erwähnt wurde, sodass man sich vorbereiten kann? – Ach ja, wenn man diese „Nebenwirkung“ vorher kennt, könnte es sein, dass der Patient der Operation gar nicht zustimmt…

Gerade im Alter gibt es viele Menschen, die sich vlt. gar keine zwei Jahre mehr wünschen, oder mit den Nachteilen ohne Operation auch noch zurecht kämen, wenn sie wüssten, was sie erwartet…

Schlimmer wird’s dann, wenn man am Entlassungstag zufällig mit der Krankenschwester spricht und meint, „naja, ist schwierig, aber die paar Wochen schaffen wir“. Ein mildes Lächeln strahlt entgegen, im Sinne von: „Ihr habt‘ ja keine Ahnung, ihr seid so naiv“.

Nach so einem Lächeln beschleicht Einem die Ahnung, dass die Botschaft gar nicht so falsch ist…

Man fühlt, dass das Vertrauen in die ärztliche Beratung wohl tatsächlich naiv war, und man frägt – mangels Fachkräfte –  Dr. Google.

Dann erfährt man, dass diese Nachwirkungen üblich sind, dass diese über Monate, wenn nicht Jahre gehen können. Und wenn man auch davon ausgeht, dass 50% der Darstellungen übertrieben oder Einzelfälle sind, bleibt noch genug Chaos übrig.

Nun beginnt das Krisenmanagement, Wochen oder Monate später. Organisation von Zeit, Hilfe und Infrastruktur.
Wenn man’s scheiße ausfasst, kommt nach der Operation die Meldung: „Sie werden einen Pflegeplatz benötigen“…

Es ist nicht mehr im Zuständigkeitsbereich des Krankenhauses. Der Patient ist geheilt, die Nachbehandlung ist nicht deren Sache.
Pflegeplätze nicht vorhanden, bzw. viel zu spät angemeldet.
Pflegestufe zu wenig, nicht ermittelt, oder falsch eingeordnet.
Als Arbeitnehmer nicht fähig in dieser Kürze Zeit für die Planung aufzubringen.
Probleme am Arbeitsplatz, weil man gerade bei Hoch-Auftragslage um Urlaub frägt…

Es gibt eine Industrie, die sich um Hoffnungslose kümmert…

…welche dafür sorgt, dass für die pflegenden Angehörigen kein Geld mehr übrig bleibt. Welche Todeskandidaten gegen Münzeinwurf Hoffnung gibt.

Pflegeplätze sind Mangelware und Zeit ist aufgrund der Arbeitnehmereffizienz (Lohnsteuermaximierung) längst kein Thema mehr.
Zeit für Eltern oder Kinder ist Verdienstentgang für den Staat.

Und dann ist noch eines zu beachten: Die Geschichten hier sind Geschichten von intakten Familien, wo Eltern, Geschwister und Kinder aufeinander schauen und gegenseitig helfen.
Man kann im Notfall die Last aufteilen…

Wir leben aber in einer Zeit, wo Einzelkinder mit ihren Eltern alleine gelassen sind, oder selbst in die Notlage kommen, ohne Verwandte die helfen…

Diese Schicksale erfahren wir dann zwischendurch auch mal über die Zeitung, wenn hier oder dort eine Wohnungstüre aufgebrochen wurde, weil nach Tagen, Wochen, Monaten eine Person vermisst wird, oder belästigender Geruch in den Gang strömt…

Dann erfahren wir, wie diese Menschen gelebt haben, und wundern uns, wie sowas passieren kann.
Es begann vlt. damit, dass das Opfer nicht richtig über die Konsequenzen aufgeklärt wurde…

Natürlich hat nicht Jeder ein derartiges Schicksal zu erleiden…

…und natürlich gibt es Ärzte, die nicht danach entscheiden, ob sie nun einen Cayenne oder doch einen A8 kaufen sollten.
Es gibt sogar Ärzte, die unbezahlte Zeit zum Wohle des Patienten investieren, und ehrlich sind.
Diese Ärzte stehen dann oftmals schon mit einem Fuß vor Gericht, weil sie in der Beratung Verantwortung übernehmen und irgend ein Rechtsanwalt eine Möglichkeit sieht, daraus Schadenersatz zu konstruieren.

Und wenn ich mir anschaue, welcher Druck aus der Notfallsindustrie in Richtung Freiwillige aufgebaut wird dürfen diese Ärzte froh sein, dass sie nicht irgend ein Kollege wegen Geschäftsschädigung klagt…

Wenn es etwas gibt, was ineffizient ist, so ist es 100%ige Effizienz…

Die Schäden werden systematisch auf Patienten und ihre Angehörigen abgewälzt und man setzt diese Menschen vor vollendete Tatsachen, während man den gesunden Angehörigen zum möglichst effizienten Steuerzahler zuschneidet.
Pflegestufen sind nach Budget optimiert, nicht nach Patientenbedürfnisse.

Als man den Arbeitnehmer auf 100% (und mehr) optimierte, vergaß man, dass diese(r) ausserhalb der Arbeitszeit viel Sozialleistung erbrachte.
Weniger Kinder heißt mehr erwachsene Arbeitskräfte zur Verfügung um Wahlzuckerln finanzieren zu können.
Ein Kredit in die Zukunft, den zurück zu zahlen heute Niemand gewillt ist.

Am Ende ist der Arbeitnehmer, der zu 100% belastet ist, nicht mehr fähig die Zusatzbelastung zu tragen. Die Folge sind schlechte Pflege und/oder Überlastung der Angehörigen, was wiederum zu Gesundheitsschäden führt.
Eskalation der Situation.

Und jetzt diskutiert man darüber, ob man nicht den 12h Tag einführen sollte, um „Auftragsspitzen“ der Unternehmen abdecken zu können.
Natürlich „freiwillig“, denn während die Auftragsspitze existiert, kann sich der Arbeitnehmer ja eine Aushilfe für Ehepartner oder Eltern leisten.
Zur Not kann er ja über die 12h hinaus Überstunden machen…

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