#SoSollPropaganda

Oder: Wenn Märchenerzähler erzählen, dass andere Märchen erzählen…

Eigentlich sollte ich froh sein, denn ich bin ja Unternehmer und damit profitiere ich ja von den geplanten Veränderungen der Arbeitszeiten.

Allerdings zehrt die Beschallung „12h Tag, 12h Tag“ und die Kinderlieder „Geht’s dem *** gut“ ziemlich an den Nerven…

Weiters bezeichne ich mich (nach meinen Mitarbeitern zu schließen nicht unberechtigt) als fairen Unternehmer. Und schlussendlich frage ich mich: „Profitiert die Allgemeinheit und ich wirklich davon?“

Aber alles nach der Reihe…

Die Märchen der Märchenerzähler:

„Es ändert sich nichts…“

Eigentlich ein Märchen, was man relativ schnell durchschaut: Wenn sich nichts ändert, wofür ein neues Gesetz? Scheint sich doch was zu ändern, oder?

„Der generelle 12h Tag ist ein Märchen, lassen sie sich nicht verängstigen…“

Auf Social Web habe ich mich mit der Industriellenvereinigung „duelliert“ und ihre Dialektik offen gelegt.
Es stimmt: In §3 ASchG ist der 8h Tag geregelt, aber darüber diskutiert Niemand. Denn in §4 ist die mögliche Erweiterung der Normalarbeitszeit geregelt, und dort stehen die 10h drinnen, welche sich ändern.

Hier wird von den Märchenerzählern mit „Off Topic“ abgelenkt und den Kritikern etwas unterstellt, was die Kritiker nicht machen:
Denn weder AK noch Gewerkschaft behaupten, dass sich die 8h ändern, zumindest soweit ich das sehe.
Beide Organisationen weisen aber auf die Veränderung hin, welche ich als nächstes auch beschreiben werde:

„Überstunden bleiben Überstunden, da ändert sich nichts…“

Während die Einleitung dieser Dialektik korrekt ist, befindet sich die unterschwellige Lüge im zweiten Teil des Satzes.
Diese Lüge würde ich gerne an einem Beispiel erklären, welches wohl viele Arbeitnehmer in Bau-, Bauneben- oder Gastgewerbe treffen wird:
Nehmen wir an, der Arbeitnehmer würde im Saisonsbetrieb arbeiten, also 34 Wochen Arbeit, und 18 Wochen „Zwischensaison“.
Nun lässt man den Arbeitnehmer 5 Tage die Woche und 12h am Tag arbeiten. – Wie gesund das ist, kann man sich ausrechnen…
Das heißt: 34×60=2040h; 2040/52=39,23h: Dies ist die max. Ausnützung der neuen Regelung. – Der Zeitausgleich erfolgt hier in Zukunft ohne Überstunden.

Wie würde das aber aussehen, wenn man heute diese Arbeitszeit einsetzt?
Betrachtet man die tägliche max. Normalarbeitszeit (10h), so wäre dem Arbeitnehmer täglich zwei Überstunden auszuzahlen: 2x5x34=340 Überstunden, die in Zukunft nicht zu bezahlen wären.
Es käme aber (für den Arbeitgeber) noch schlimmer: Betrachtet man nämlich die max. Wochenarbeitszeit von 40h, so wären wöchentlich 20h als Überstunden auszuzahlen: Gesamt 680 Überstunden, die unter der neuen Regelung nicht mehr anfallen.

Es stimmt also: Überstunden bleiben Überstunden: Sollte der Arbeitnehmer in diesem Beispiel zukünftig über 12h/d oder 60h/W arbeiten, erhält er weiterhin Überstunden im üblichen Verrechnungsschema. – Diese 680h sind aber in Zukunft keine Überstunden mehr.

„Die Mehrarbeit ist freiwillig“

Das ist das schönste Märchen, welches WKO und IV selbst mit dem Zweck der Änderung (die angeblich nichts ändert) entlarvt: Denn es geht um das Abfedern von Auftragsspitzen.

Dazu aber ein bisschen ausgeholt und aus meinem Nähkästchen geplaudert:
Ich verwende in meinem Betrieb ein Modell von Zeitausgleich und ich habe das Ziel, dass der Arbeitnehmer seine Arbeitszeit so frei als möglich selbst einteilen kann, aber Auftragsspitzen kommen immer, wenn der AN auf Urlaub ist, und Notfälle sind abzufedern, wenn der AN auf Zeitausgleich oder krank ist.
Das hat nichts mit Bosheit des Arbeitnehmers zu tun, sondern einfach nur mit Murphys Gesetz.
Wäre auch sonderbar, wenn der AN am Vortag schon wüsste, dass morgen beim Kunden ein Server defekt geht…

Als Unternehmer begrüße ich flexible Arbeitszeiten

Sie reduzieren die Kosten und das Risiko

Allerdings ist es dumm und kurzsichtig, wenn man dies auf Kosten des Arbeitnehmers macht. Am Ende zahlt der faire Unternehmer selbst drauf, weil seine Arbeitnehmer Leistung verlieren und er in der selben Arbeitszeit weniger Produktivität erhält.
Der faire Unternehmer profitiert also nicht davon, dass der Arbeitnehmer verheizt wird.
Wenn der Unternehmer sich aber keine Gedanken über soziale Zusammenhänge macht, wenn ihm Egal ist, ob sein Arbeitnehmer mit 40 unfähig für Arbeit ist weil er ihn dann raus wirft, bzw. wenn er bei der ersten gröberen Krankheit die selbe Konsequenz zieht, verbraucht er zwar viele Arbeitnehmer, profitiert aber davon.

Dem Politiker sollte das aber nicht egal sein, denn genau derartige Praktiken produzieren Arbeitslose und hohe Gesundheitskosten.

Apropos Arbeitlosigkeit…

Wir leben in einer Zeit zunehmender Automatisierung. Arbeitsplätze werden in Zukunft schon aus reiner Eigendynamik heraus immer weniger, während die Bevölkerung zumindest stagniert.

Eine derartige Abfederung von Arbeitsspitzen (oder Aufteilung von Überlastung) verschärft die Lage zusätzlich, da für die selbe Arbeit weniger Leute benötigt werden.

Also ein Dilemma ohne Lösung?

Ich sage „Nein“! Ich behaupte: Man kann das anvisierte Ziel heute schon erreichen.

Bleiben wir bei obg. Beispiel…

Nur werde ich diesmal die 2040h auf zwei Arbeitnehmer verteilen:
Also zwei Arbeitnehmer a‘ 5x6h Stunden wöchentlich.
So komme ich weder mit der max. Wochenarbeitszeit (30h: 75% von 40h) und schon gar nicht mit der täglich max. Arbeitszeit in Konflikt: 5h wären nämlich nur 50%…

Die Abfederung der Spitzen ist also für faire Unternehmer heute schon problemlos möglich.

Weitere Vorteile: Risikostreuung bei krankheitsbedingtem Ausfall, wie auch Abfederung von Urlaubs/ZA: Hier hat man sogar im Notfall noch 25% Reserve nach oben!

Wenn also diese Flexibilisierung schon heute funktioniert, wofür dann diese neue Regelung?

Der Arbeitnehmer muss von seinem Einkommen leben können. Das heißt, dass die 30h auch einen dementsprechenden Basislohn darstellen muss.
Dies ist natürlich in den Augen der Unternehmer nicht finanzierbar.

Meine Erfahrung ist gegenteilig:
Die optimale Leistung bringt der AN bei durchschnittlichen 25-30h/Woche. Und dort hat er genügend Erholungszeit um Energie für kurzfristige Spitzen zu besitzen.

Es ist natürlich klar, dass man mit unmäßigem Leistungsdruck die selbe Leistung aus dem Arbeitnehmer holen kann.
Das hat den Vorteil, dass man nicht mehr bezahlen muss. Allerdings „verbrennt“ der Arbeitnehmer und wird zum Problemfall.
Wenn man natürlich nur den eigenen Profit im Fokus hat, und nicht gemeinschaftlich denkt, ist dies irrelevant.

Dass Unternehmer so denken ist eine Sache, aber Politiker hätten die Aufgabe, gesamt-gesellschaftlich zu denken. Hier wird aber nur bis zur nächsten Wahl gedacht. Bis zu dieser wird nämlich die erwartete globale Konjunktursteigerung die Schäden abdecken. Danach sucht man sich Sündenböcke. – Flüchtlinge, „Sozialschmarotzer“…

Natürlich gibt es Bereiche, in denen diese Aufteilung nicht so einfach funktioniert.

Besonders im Gesundheitsbereich. – Aber auch hier ist kein Bedarf, dass generelle System zu ändern, denn diese Bereiche haben bereits ihre Ausnahmen…

Und es gibt noch andere Möglichkeiten, den Unternehmer zu entlasten:

Eigentlich ist Lohnsteuer und Sozialabgabe auf menschliche Leistung entgegen dem Gleichheitsgrundsatz, denn leistungslose Einkommen sind weit abgabenschonender.
So profitiert jener Unternehmer, der so viel als möglich automatisiert,
und Jener, der sein Einkommen ohne jegliche Leistung schafft…

Eine Änderung dieser Praxis bedeutet sich aber der Erpressungsmacht von Konzernen und mächtigen Vermögenden auszusetzen. – Wieder wäre Politik gefragt, die Bevölkerung zu schützen, anstatt diese zu belasten…

Aber das ist ein anderes Thema…

Fazit:

Ein fairer, gewissenhafter Unternehmer wird von dieser Regelung nicht profitieren.
Nur jene Unternehmen, welche Profit über alles stellen, werden profitieren.
Verlierer werden Jene sein, denen man Märchen erklärt, dass sich „nichts ändert“.

Aber wie erwähnt, liebe Industriellen Vereinigung: Wenn sich nichts ändert, brauchen wir kein neues Gesetz.
Und es wäre längst Zeit auch für euch, der AK und Gewerkschaft die Hand zu geben und MITEINANDER Lösungen zu suchen, wie auch ich als Unternehmer erkannt habe, dass man nur als Team erfolgreich sein kann, und Arbeitnehmer und -geber gemeinsam an einem Ziel arbeiten sollten.
Zumindest, wenn man Profit nicht als neue Gottheit ansieht und Wirtschaft über den Menschen stellt…

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