Cogito Ergo Sum für den Haushalt.

Oder: Heisenberg für Ehepaare.

Meine Frau hat es nicht leicht neben einem solchen Besserwisser, wie mir.

Es ist gar nicht so einfach, wenn dein Gegenüber die letzten 5 Minuten runter spult, als wäre es ein Diktiergerät. Ich kenne inzwischen das Problem aus eigener leidiger Erfahrung, denn mein Sohn hat seine Gabe nicht gestohlen, seine Ganglien sind noch frisch und dadurch habe ich meinen Meister gefunden. Meine Liebste genießt diese Momente meiner Unterlegenheit und wirft mir dann immer einen grinsenden Blick zu: „Siehst Du, wie unsympathisch das ist?“

Neben dem Rechthaber, habe ich dann auch noch die herausragende Eigenschaft des paranoiden Querulanten.
So habe ich mir vor vielen Jahren einen Personalausweis zugelegt, damit ich auf meinen Reisen in der EU nicht RFID getrackt werde.
Dies führte allerdings zu Diskussionen vor jeder größeren Reise mit der Familie.
„Willst Du nicht doch deinen Pass mitnehmen, wir fliegen ja…“
Das, was ich trotzig bin, ist meine Frau vorsichtig.
Letztmalig gerade im Sommer in Richtung Madeira…
„Madeira liegt in der EU“
„Aber…“
Ich hab’s mit dem Personalausweis gewagt, wohl mit dem Gedanken, dass  meine Liebste nie das Risiko eingehen würde und daher meinen Pass im Koffer mitschleppt.
Es wäre für sie ein Triumph, wenn ich mit meiner blauen Karte vor dem Schalter stünde und die nette Dame dahinter den Kopf schütteln würde. – Sie würde meinen Pass herausziehen, und ich würde demütig ihren Blick ertragen. – Inklusive der Sticheleien die nächsten Wochen/Monate/Jahre…
Im Bewusstsein dieser Überlegenheit des weiblichen Geschlechts solche Siutationen voraus zu sehen, ist es allerdings für den Ehemann ein Leichtes, dieses Risiko einzugehen. Und schlussendlich sollte man dem anderen Geschlecht auch ab und an einen Sieg gönnen.
Im letzten Sommer allerdings nicht. Der Joker blieb im Koffer und ich mit der blauen Karte siegreich.

Bei der neuen geplanten Reise werden wir wohl aber auch die politische Lage – von Alk Aida bis Brexit-Brikett – betrachten müssen, denn die Briten sind (was Sicherheit angeht) penibler als Deutsche. Und nach meinen Eindrücken letztmalig in Gatwick habe ich eigentlich keine Lust mit einem Exekutivbeamten zu diskutieren, dessen Kollegen ein SA80 im Anschlag halten.
Schlussendlich meint das Reisebüro, man benötigt einen Pass der noch mind. 3 Wochen gültig ist, auch wenn die Fluglinie auf meiner Seite wäre und einen Personalausweis als ausreichend empfindet. – Die Situation ist neu zu überdenken…

„Ist dein Pass überhaupt noch 3 Monate gültig?“ – Mit dieser Frage beginnt diese Szene am Küchentisch, welches den Kern dieser Geschichte darstellt.
„Ich hab‘ ja einen Personalausweis.“ – Die Augenwinkel zeigen nach oben und die Entgegnung lässt nicht lange auf sich warten: „Bist Du dir sicher?“ – (genervtdreinschau) – „Aber wie lange gilt dieser?“ – Hoppla! Der läuft wirklich aus…
Wir stehen auf und meine Liebste holt den Pass aus dem Versteck: Auch dieser läuft in Kürze ab…

So unsere gemeinsame Erinnerung an das Ereignis vor ein paar Wochen.
Das Verhängnisvolle daran: Was dann mit dem Pass passierte, kann sich Niemand mehr erinnern.
Bzw. könnte man sagen: Als eine Woche später der Pass verlängert werden sollte und nicht mehr auffindbar war, glitten die Darstellungen über den Teil danach durchwegs ausseinander…

„Da ist kein Pass“.
Es gibt immer zwei Methoden, wie eine Frau mit einem Mann umgehen kann:
Sie kann ihn an der Hand nehmen, zum Zielobjekt führen und es selbst aus dem Versteck nehmen. In der (äusserst optimistischen) Hoffnung, dass er dieses Objekt das nächste Mal selbst findet.
Oder sie kann ihn instruieren das Ding selbst zu holen und warten bis er ruft: „Ich finde es nicht“.
Dann geht sie hin, zieht es aus der beschriebenen Stelle heraus, und hält es ihm mit dem „Mach die Augen auf“ Blick unter die Nase. (Optional spricht sie auch letztere Worte – nur zur Sicherheit. Wir kennen ja die Kompetenz von Männern in Lesen von Körpersprache)

Nicht immer, wohl gemerkt, denn als wir eben eine Woche später das Dokument aus dem Etui ziehen wollten, kamen jene unheilvollen Worte aus meinem Mund. – Aber auch meine Angetraute konnte den Pass nicht finden.
„Dann hast Du ihn wohl bereits ins Büro mitgenommen, weil Du ihn ja verlängern möchtest.“
Abgesehen davon, dass „möchten“ gut gesagt wäre, bin ich mir meiner Fähigkeiten bewusst und kann ausschließen, dass ich derartige Ideen hätte. (Clean Desk ist nicht umsonst die größte Herausforderung für mich betreffend DSGVO)
„Definitv nicht. – So dämlich bin ich nicht, dass ich das machen würde. – Wozu? Um ihn zu verlieren???“

Vielleicht ist die fehlende Feinfühligkeit und die elefantenartige Diplomatie der männlichen Hälfte unserer Spezies auch ein Hauptgrund, warum unsere maskuline Weltpolitik derart in Scherben liegt, jedenfalls brauche ich keinem erfahrenen Ehepartner erzählen, wie sich die Situation in weiterer Folge entwickelte…

Die kommenden Tage waren dann auch von Vermutungen geprägt, was nach dieser verhängnissvollen Szene mit dem Papier passierte…
Der Pass wurde nach dem Sommerurlaub nicht zurück gelegt, aber dann hätten wir ihn nicht in der Hand gehabt.
Bei der Wahl hatte man den Pass mit und er steckt in irgend einer Jacke, aber dafür habe ich meinen Personalausweis (*nerv*), und desweiteren bin ich alleine wählen gegangen.
Vielleicht hatten wir den Pass im Reisebüro mit, aber auch das war lange vor dieser gemeinsamen Erinnerung.
Auch meine Tochter hatte eine These, dass wir vielleicht viel weiter zurück denken müssten. Aber auch hier stellte sich die Frage: Wie können wir dann vor einer Woche den Pass in der Hand halten?

Glücklicherweise sind wir schon erfahrene Eheleute. Vor 20 Jahren hätte das wohl einen dicken Krach gegeben. So zog sich Jede(r) in sein Gedankenkonstrukt zurück und versuchte möglichst schonend dem Partner beizubringen, wie der jeweils andere Teil das Papier versteckt haben hätte können, ohne dass es nur einen Anschein von Vorwurf enthält.

Aber das Leben besteht bekanntlich nicht nur aus Urlaub und Passsuche, sodass der Alltag primär von anderen Gedanken belegt wird, welche das Ereignis relativieren.
Und deren Gedanken gibt es nicht zu knapp.
Wie gestern…
Für die Zertifizierung brauche ich einen Lebenslauf, für den Lebenslauf benötige ich eine exakte Chronologie meiner Schulbildung, dafür widerum Unterlagen welche sich „Zeugnis“ nennen.

Und diese Unterlagen findet man in der Zeugnismappe.
„Man“ wohlgemerkt, denn „Mann“ nimmt zuerst die falsche Dokumentenmappe und sucht…
Notariatsakt, Kaufvertrag, Geburtsurkunde, Staatsbürgerschaftsnachweis, Geburtsurkunde der Ki… – Halt! – Zurück geblättert…
In der Klarsichthülle meines Staatsbürgerschaftsnachweises steckt nicht nur dieses Dokument, sondern auch ein Etui mit Passbildern und dahinter glänzt etwas kleines Rotes heraus. Das widerum sieht verdächtig nach…

Ich nehme das Heftchen aus der Hülle, schlage es auf und mich starrt mein Passfoto an. Aber…
„Schatz, du glaubst nicht, was ich gefunden habe…“. Während meine Liebste heran stürmt betrachte ich verdutzt das Dokument und verstehe nicht, was ich da lese…
Ablaufdatum 2007. – Nicht entwertet.
WTF?!?!?Einselfß!

Mein Reisepass liegt also seit 11 Jahren in dieser Klarsichthülle.
Die Erinnerung vor einer Woche, die wir gemeinsam hatten, war so ungefähr 11 Jahre alt.
Diese Szene stammte aus jener Zeit, als ich beschloss meinen Personalausweis zu machen. Vor einer Woche betrachteten wir lediglich mein kleines blaues Kärtchen…

Die Natur ist gnadenlos unscharf, nicht mal seiner eigenen Erinnerung kann man Glauben schenken.
Ja noch schlimmer: Nicht mal der Erinnerung seiner Frau.

Kein Wunder, dass ich so paranoid bin.

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