Gerechtigkeit

Es war genau jene Zeit, als Judith und David heirateten…

Die Eltern gaben ihr Erspartes her, und beide konnten sich die Wohnung in der Stadt kaufen und gestalten. Es war genau jene Zeit, als sich die Wolken des ersten Weltkriegs verzogen.
Keiner glaubte, dass es nochmals so schlimm werden würde. Jeder meinte, dass man aus Geschichte gelernt hat. Keiner dachte, dass es nochmals zum Krieg kommen würde. Jeder arbeitete hart für ein bisschen Glück und Zufriedenheit.
Deswegen blieben auch Judith und David in ihrer Wohnung, als die neue Macht diktierte.
Was sollte ihnen auch geschehen? Er arbeitete hart. Sie waren ja nur eine kleine Familie, die Niemandem etwas tut..

Es begann in kleinen Schritten, die Beleidigungen auf der Straße, die Drohungen, der Verlust des Arbeitsplatzes…
Der kleine Jakob war inzwischen vier Jahre alt, als ein SS Mann ins Haus kam und ihnen klar machte, dass sie hier nicht erwünscht sind.
David musste unter vorgehaltener Pistole unterschreiben, dass er ihm sein Heim für zehn Reichsmark verkauft. Als „Gegenleistung“ versprach der Offizier, sie aus dem Land zu bringen.

Er hielt sein Versprechen nicht. Judith hatte aber Glück. Sie brach beim Marsch zusammen, ein Wachmann ließ Milde walten und „übersah“ die blutende, abgemergelte Frau, die im Straßengraben auf ihrem Kind lag. David marschierte direkt nach Dachau.

Als Mehmed und Stefanie zusammenzogen, waren diese Zeiten der Gewalt und des Schmerzes längst vorbei…

Ihre Elten waren nicht glücklich über ihre Beziehung, daher beschlossen sie, ihr Leben neu zu gestalten. Beide sparten sich Geld zusammen und nahmen einen Kredit auf um diese Wohnung in der Stadt finanzieren zu können.
Da das Geld noch immer nicht reichte verbrachten sie selbst viel Zeit damit, die Wohnung zu sanieren.

Als der Kredit gerade abbezahlt war, als die kleine Familie sich gerade in ihrer Wohnung wohl fühlte und neuen, leichteren Zeiten entgegensah…

stand plötzlich dieser Mann vor der Tür.

Jakob war sein Name. Groß, ausgemergelt, traurige Augen.
Jakob erzählte ihnen eine Geschichte. Eine Geschichte von Leid, Verfolgung, Angst, Flucht, Neuaufbau. Er erzählte ihnen, wie er im Kinderzimmer hinten spielte, als ihre Eltern den erzwungenen Vertrag unterschrieben. Dort, wo Stefanie jetzt ihr Büro hatte. Er erzählte ihnen eine Geschichte von „seiner“ Wohnung, wie er hier glücklich mit seiner Mutter und seinem Vater lebte. Das letzte Mal in seinem Leben.
Er zeigte ihnen Fotos von damals. Er zeigte ihnen Dokumente, welche den Besitz der Wohnung nach der Erpressung zeichneten; die Narben, welche dem Vierjährigen von den Soldaten zugeführt wurden…

Sie sprachen lange miteinander und fragten sich gemeinsam…

„Was ist Gerechtigkeit?“

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