Von Aberglauben, bösen Geistern, und jenen, die Wissen schaffen.

Wer kennt das Stück nicht: „Der böse Geist Lumpazivagabundus“?
Ein Schwank über die Liebe, das Glück und den Lumpen, im Anblick des endgültigen Endes dieser Welt.

Damals fanden die Bewohner das Auftreten von Halley nicht so interessant oder faszinierend, wie heute.
Gottes Zeichen war der Komet, der Anblick des Unterganges der Welt (was sich für manche Propheten allerdings – trotz mehrmaliger Falsifikation – bis heute nicht verändert hat)

Genau Dreihundert Jahre, bevor Nestroy seine Posse veröffentlichte, verdunkelte sich die Erde tatsächlich durch eine Wetteranomalie und stand vor dem Ende:
Im Jahre 535 n. Chr. trübte sich der Himmel.
Geschichtsschreiber, wie Michael der Syrer oder Flavius Cassiodorus berichten von Schnee im Sommer, Missernten und beschreiben den Effekt: „Selbst Mittags bei klarem Himmel warf die Sonne nur einen matten Schatten…“
Prokopios in Byzanz schrieb: „Die Sonne leuchtete das ganze Jahr schwach, wie der Mond“.
Missernten, Hunger, Krankheiten und Tod waren die Folge der „bläulichen Sonne“.
Hochkulturen in Indonesien, Persien und Südamerika verschwanden, Vandalismus, griff in den Städten um sich.

Die Kunde von der „göttlichen Warnung“ wurde in dieser phantasiebehafteten Welt geschmückt mit „blutrotem Regen“ und dem „warnenden Finger Gottes am Himmel“.

Die Angst der Menschen vor dem Kometen, ihr Aberglaube die Welt würde untergehen: Das Resultat dieser Horrormärchen, welche ihren wahren Kern in Wetteranomalien finden. Auch 300 Jahre später.

Wir leben nicht mehr in einer Zeit, wo wir uns solche Phänomene mit Märchen und Phantasiegeschichten erklären müssen.
Wir hatten keine Angst vor Halley, wir wussten, dass er uns nicht treffen wird.

Unser Wissen schützte uns vor Aberglaube. Egal, ob wir von Halley sprechen oder vom Kalender der Maya.

Moderne Untersuchungen konnten daher auch bereits 1984 die Wetteranomalie von 535 erklären:
R.B. Stothers erklärte die Anomalie durch den Ausbruch des Vulkans Tavurvur, in Papua-Neuguinea. Kein Wort von „Gottes Fingerzeig“, keine Spur von Himmelszeichen. Banale, logische und natürliche Vorkommnisse.

1999 berichtigte David Keys, gestützt auf den Erkenntnissen des Vulkanologen Ken Wohletz, und erkannte eindeutig den Vlukan Krakatau (Indonesien) als Ursache für Staub und Asche in der Atmosphäre.

2010 wurde der Ilopango in El Salvador in Betracht gezogen…

Analysen von Eisbohrkernen in Grönland und der Antarktis lassen auf „eine zeitliche Abfolge schließen, die durch einen Vulkan in Äquatornähe verursacht wurde.“
So einigte man sich auf die Hypothese, dass der Krakatau vor 535 ein Berg mit ca. 2000m Höhe war, und durch einen „Super-Ausbruch“ weitgehend im Meer verschwand. Die Spuren sind verwischt, Sumatra von Java getrennt.

Ein kleiner, aber unbeugsamer, Kreis von Wissenschaftlern vertritt aber immer noch die Idee, ein großer Meteor hätte die Katastrophe ausgelöst.
Sie weisen nach, dass in der fraglichen Bohrtiefe im Grönlandeis maritime Mikroorganismen vorkommen, deren Verbreitungsgebiet die tropischen Gewässer sind.

Im Golf von Carpentaria entdeckt man zwei Einschlagkrater, die auf einen zerbrochenen Himmelskörper hindeuten, auf genau diese Zeit datiert werden können und deren Rückstände im Eis von Grönland ebenfalls genau an dieser Stelle gefunden werden.

Ein eisiger Wind schlägt diesen Forschern entgegen, eisiger als der Sommer 536.
Denn bei solchen wichtigen Thesen kennt die traditionelle Wissenschaft keine Gnade:

In Anbetracht der eingeschlagenen Meteore dieser Größe müsste dann der Wahrscheinlichkeit nach dann jedes Jahr zwischen Mond und Erde durchfliegen wir würden sie sehen, aber die Berechnungswahrscheinlichkeit liegt bei alle 10.000 Jahre. Jedenfalls ist diese Erklärung inakzeptabel, obwohl sie inzwischen weit mehr zwingende Indizien aufweisen kann, als die diversen Vulkanthesen zusammen.

Was treibt Wissenschaftler dazu, logische Erkenntnisse, welche der eigenen These widersprechen, zu ignorieren?
Ist es die Angst davor, dass diese „Himmelsereignisse“ öfters auftreten, als alle 10.000 Jahre, und damit das Bewusstsein, dass „eine höhere Macht“ jederzeit unser mickriges Leben auslöschen könnte?
Ist es die Angst davor, sein Lebenswerk zu verlieren, verspottet zu werden, oder sogar die Lebensgrundlage (die Unterstützungen = den Job) zu verlieren, weil man „unglaubwürdig“ wird?

Bereits als kleines Kind, war mein Blick bereits gen Himmel gerichtet, und ich fand mehr Faszination in den Sternen als das Betrachten der „Carpet-Crawlers“.
Ungefähr, als ich in die erste Klasse der Hauptschule kam, sah ich am Nachthimmel einen Feuerball, Der in einer atemberaubenden Geschwindigkeit von einem Ende des Horizontes zum anderen vorbeiblitzte.
Beeindruckt von diesem unbekannten Ereignis, beeinflusst von diversen Büchern und naiv in dem Wissen über soziale Zusammenhänge war es wohl ein Fehler, dieses große Ereignis einem anderen Mitschüler zu erzählen.
Das war dann wohl zu viel für meine bereits miese Position in der Dorf-Schulgemeinschaft, und der UFO-Spinner dominierte mein weiteres Leben in dieser Schule.
Er sorgte bei nahezu jeder angezweifelten Aussage für den Running Gag und für Gelächter. Sogar die Lehrer standen diesem sozialen Effekt machtlos gegenüber, riskierten ihre eigene „Glaubwürdigkeit“ nur wenn sie nur andeuteten, man würde die Aussage nur annähernd ernst nehmen, und fanden ihren eigenen Kompromiss in der „Sinnestäuschung“.

Die Angst vor dem Ausschluss aus der Gesellschaft prägt viele rational denkende Menschen, lässt sie schweigen oder sogar Koalitionen unterstützen, deren Ansicht sie nicht vertreten können.
Das Aufkommen emotional verletzter und zerstörter Individuen ist in der rationalen Welt der Wissenschaft signifikant höher, als im Rest unserer Gesellschaft.
Das Gebilde von Zahlen und unumstößlichen Wahrheiten gibt Sicherheit.
Polemik, Gelächter haben keinen Platz in den Heiligen Hallen der Fakten.

Das Streben um Anerkennung und Verständnis schafft Publikationen, welche mit der persönlichen Signatur geschmückt werden, aber sich in dem Moment als irreversibel darstellen, wo das erste Buch den Laden verlässt, auch wenn dieser heute oft nurmehr elektronisch existiert.
Eine Infragestellung der Publikation stellt damit einen Angriff auf die Person dar, ja eine Bedrohung von dessen Existenz(rechtfertigung).

Der sozialkritische Schriftsteller Upton Sinclair beschreibt diesen Effekt banal aber treffend:
Es ist schwer, einem Menschen dazu zu bewegen, etwas zu verstehen, wenn die Höhe seines Einkommens davon abhängt, dass er es nicht versteht.

Jean Paul (Johann Paul Friedrich Richter) beschreibt das Ergebnis:
Bei den Ursachen unbekannter wichtiger Begebenheiten raten wir immer auf das Angenehme oder Unangenehme, selten auf das Wahrscheinliche oder Natürliche.

Gräben öffnen sich, zwischen den Tempeln der Ansichten.
Aus Wissenschaft wird Glaubenskrieg.
Ein Fressen für Polemiker und Schmarotzer.

Wissen wird in der Komplexität der Fakten unter dem Joch der Verwirrung mit Rethorik zum Spielball der Macht.
Eigendynamiken, Instrumentalisierung, Verwirrung schaffen Raum für neue Prophezeiungen, deren Inhalt selbsterfüllend erreicht wird.
Grabenkämpfe im Auftrag der Zauberlehrlinge. Die Wissenschaft selbst hängt am Tropf der Machtblöcke.
Kein Wunder, dass die klaren und alarmierenden Erkenntnisse über Ursache und Auwirkungen unserer Klimaentwicklung in einem Grabenkampf über CO2 vergewaltigt wird.

„Es gibt viel zu tun, streiten wir mal darüber“.

Der Fokus verkommt auf ein Detail. Das Eigene ist gut. Man schließt sich einem Machtblock an, akzeptiert und bestätigt dessen Aussagen, und verhält sich ruhig, um nicht das Nest zu verlieren, welches die eigene Existenz sichert.
Jenes Wissen, welches das Nest gefährdet, wird bekämpft, ignoriert.

Aus diesem komplexen Gebilde, welches wir als evolutionäre Krönung erkennen, blicken wir zurück, und belächeln die unwissenden einfachen Menschen, deren Bildungsstandard weit unter dem eines Volksschulabgängers lag und dessen Wettervoraussage auf Bauernregeln basierte.

Wir bemerken nicht, dass Nestroys Spiegel nicht nur ihnen galt.

Wir haben in unserer Bildungswut verlernt, ein Märchen zu lesen und verfallen dadurch dem Irrtum, der schon Heraklit bekannt war: „Bildung ist nicht das Befüllen von Fässern, sondern das Entzünden von Flammen.“

In jedem Falle bescheinigt die vorliegende Sachlage wohl den Menschen zur Zeit Nestroys eine berechtigte Angst vor dem Kometen, ganz ohne Aberglaube.

Jedenfalls beeinflusst die Angst vor dem Unkontrollierbaren, vor dem unausweichlichen Auslöschen unserer Existenz, auch unsere Gedanken.

Vielleicht sollten wir manchmal den Blick in den Himmel richten, anstatt den allwissenden Teppichkriechern zu huldigen, und sie in ihren kleingeistigen Kriegsspielen zu unterstützen.

Denn:
„Das Astralfeuer des Sonnenzirkels ist in der goldenen Zahl des Urions von dem Sternbild des Planetensystems in das Universum der Parallaxe mittels des Fixstern-Quadranten in die Ellipse der Ekliptik geraten; folglich muss durch die Diagonale der Approximation der perpendikulären Zirkeln der nächste Komet die Welt zusammenstoßen“,
meinte Knieriem, und:
„Diese Berechnung ist so klar wie Schuhwix.“

Das wissen wir spätestens seit der Entdeckung des Quants.

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