Der Tag an dem ich kapierte, dass Erwachsene dumm sind.

Am Anfang meiner Schulzeit hatte ich nicht so richtig kapiert, was die Schule eigentlich bezwecken sollte. Ich kann mich noch erinnern, als der Lehrer Geschichten erzählte und an der Tafel kritzelte: „Hans ist einem Hasen nachgelaufen.“ (Er zeichnet einen schrägen Strich) „da hat der Hase einen Haken geschlagen.“ (Der Strich wird nach unten verlängert) usw. usw.
Mein Banknachbar wusste immer alles vorher: „Wir lernen heute das ‚H'“ Das WAS??? – Egal! Um diese Zeit – es war mein erstes Volksschuljahr – wusste ich bereits: Erwachsene sind dumm!
Und das hatte ich bereits am Anfang meiner Schülerkarriere kapiert, nämlich an dem Tag, wo wir die erste Hausaufgabe bekamen:

Zur Vorgeschichte:
Die Zeit vor der Schule ist eine sehr aufregende … für die Erwachsenen.
Immer mehr Gespräche konzentrieren sich auf den „ersten Schultag“. Irgendwann ist diese Nervosität ansteckend und Du weißt nicht mehr, was Du glauben solltest. Glücklicherweise hatte ich einen großen Bruder, der bereits zwei Jahre in der Schule verbracht hatte, aber alles konnte man dem auch nicht glauben. Von Wegen „stundenlang still sitzen“ und solche Horrorgeschichten.  Das hält ja kein Mensch aus. Aber das wäre ja nicht das erste Mal, dass mich mein Bruder ärgern und mir Angst einjagen wollte.
Aber diese Zeit hat auch seine Vorteile: Man bekommt tolle Sachen zum Anziehen (oder das, was die Mutter als „toll“ anpreist, wenn sie alleinerziehend ist) und viele neue Sachen, die einem selbst gehören. Wie z.B. die Schultasche oder ein „Federpenal“. Letzteres ist eine bunte Tasche mit einem lustigen Reißverschluss, in welcher viele Buntstifte und andere interessante Sachen sind.
Jedenfalls hatte mein „Federpenal“ etwas Besonderes drinnen, was mein Bruder nicht hatte. Es war ein sonderbares flaches Etwas, welches aus Plastik war und  viele Stricherln drauf hatte. Es war unten gerade und oben war ein Halbkreis. In der Mitte war ein Loch, das genau so aussah, wie der Rand.
„Mami, was ist das?“„Das ist ein Winkelmesser, das brauchst Du jetzt noch nicht. Lass es einfach stecken“.
Das war das Nervigste am Schulanfang: Da geht man einkaufen, sieht alles und darf es dann doch nicht verwenden. Für Erklärungen haben Erwachsene soundso nie Zeit oder sie erklären es so komisch, dass es kein Mensch kapieren könnte. – Wenn man z.B. fragt, woher die Kinder kommen.
Man lernt auch schnell, dass zu viel Fragen gefährlich ist. (Wohl eines der einzigen Dinge, die sich im späteren Leben als nützlich erweisen sollten)
Aber man lernt, mit den marginalen Informationen zurecht zu kommen. Und wenn ich auch nicht wusste was dieses Winkel war, das man schneiden musste, freute es mich mein eigenes Messer zu haben.

Aber dann kommt der erste Schultag. Man bekommt Hefte und viel wird geredet. Es ist aufregend und neu. Gut – ein bisschen Angst vor dem Unbekannten hat man, und das Stillsitzen ist was, was wirklich schwierig ist. Aber die Pausen machen Spaß und manchmal ist es auch interessant, was der Lehrer erzählt.
So kam es eben zu jenem schicksalsreichen Tag, als mein Lehrer meinte: „So, jetzt dürft ihr eine Hausaufgabe machen.“. Er zeigte uns im Heft eine Seite, wo ein Kreis vor einer Zeile angedruckt war und erklärte uns, wir müssten bis morgen diese Zeile mit Kreisen voll malen.

Zuhause angekommen erwartete mich meine Mutter bereits mit der Frage: „Habt ihr eine Hausaufgabe bekommen?“ (Sie hatte ja Erfahrung durch meinen großen Bruder, darum wusste sie bereits davon).
Toll! Ich hatte eine Aufgabe! Ich war wichtig! Stolz präsentierte ich ihr das Heft, wo wir die Kreise machen sollten. „Nach dem Essen. – Räum‘ das jetzt weg und dann machst Du die Hausaufgaben„.
Schon wieder „danach“. – Wie ich diese Hinhaltetaktik hasste!
Jedenfalls war es irgendwann soweit, dass ich am Küchentisch saß, vor meinem Heft und dem Federpenal. Meine Mutter richtete mir alles her, drehte sich um und verschwand Richtung Bruder ins Wohnzimmer mit den Worten: „Fang schon mal an, aber nicht schmieren!“.

Ich öffnete das Federpenal, und da kam mir die Erleuchtung! Ich wusste zwar nicht, warum das Ding „Winkelmesser“ hieß, aber der innere Halbkreis dieses Plastikdings schien mir die korrekte Größe zu haben. Sofort nahm ich den Winkelmesser heraus und verifizierte meine Vermutung: Perfekt! Das nenne ich mal „passendes Werkzeug“. Das kann kein Zufall sein.
Ich begann mit meinen widerspenstigen Händen die Kreise zu zeichnen. – Zuerst den unteren Halbkreis, dann den Winkelmesser umdrehen, dann den oberen Halbkreis.
„Hausübung“ stellte sich als Schwerarbeit heraus. Jedenfalls schaffte ich zwei perfekte Kreise und begann gerade mit dem Dritten, bevor meine Mutter zurück kam. Stolz wollte ich ihr zeigen was ich herausgefunden hatte, als mich der Schrei: „Was machst Du da?“, erschreckte. Ich konnte nicht mal protestieren, dass ich wegen ihr jetzt einen Haken gemalt habe, da wurde mir bereits der Stift und der Winkelmesser entrissen. Ein Notizblock knallte auf den Tisch und meine Mutter schnauzte mich an: „Du sollst die Kreise von Hand zeichnen! Den Winkelmesser nehm ich jetzt mit. – Übe zuerst auf dem Notizblock und dann zeichne die anderen Kreise ins Heft!“.
HAHA! Klar! – Natürlich wusste SIE Bescheid, was der Lehrer gesagt hätte! Und WIE, zum Kuckuck sollte ich ohne Winkelmesser perfekte Kreise zeichnen können????
Ich weiß nicht mehr, wieviele Kreise ich versuchte. Hat mich auch nicht mehr interessiert. Ich war frustriert! Jedenfalls dauerte es eine Ewigkeit, bis meine Versuche für meine Mutter genehm genug waren. Da bin ich mir auch nicht mehr sicher, ob sie überhaupt noch da war, als ich die finale Version ins Heft versenkte, oder ob sie schon wieder in der Arbeit war. (Es könnte auch sein, dass ich die Hausaufgabe erst am Abend machte). Jedenfalls hätte ich heulen können. Mit dem Winkelmesser wäre die Geschichte Ruck Zuck zur Zufriedenheit des Lehrers erledigt gewesen. Irgendwann war diese Sache doch mit Bauch- und Kopfschmerzen erledigt und ich wollte an dem Tag nichts mehr davon hören.

Am nächsten Tag holte der Lehrer uns nach der Reihe vor zu seinem Pult. Später verstand ich, was mit „alphabetischer Reihenfolge“ gemeint ist und warum ich mit „W“ im Nachnamen immer einer der Letzten war. Damals aber fand ich das nicht so nett, dass ich warten musste. Nach der Reihe traten die Schüler vor und wurden gelobt oder getadelt. Die Guten bekamen ein Plus und die Schlechten nicht.
Jedenfalls kam ich auch an die Reihe und legte meine, unter Frust, Schweiß und Tränen erarbeitete Zeile dem Lehrer vor. Dieser begutachtete meine Arbeit ein Weilchen schweigsam. Dann schaute er mich an und meinte: „Hättest Du alle Kreise so schön gemacht, wie die ersten zwei, dann hättest Du auch ein Plus bekommen!“.

DAS war der Moment, wo mir klar war: Erwachsene sind inkompetente Besserwisser, die nicht mal selbst wissen, was sie wollen!
Und diese Meinung habe ich mir bis heute beibehalten, ja sogar mir selbst bewiesen, als ich eigene Kinder hatte und mich erwischte, wie ich ihnen ebenfalls solchen Blödsinn verzapfte…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s