Warum Raubkopierer nicht schuld sind, dass unsere Freiheit in Gefahr ist.

Als ich in die Schule ging, produzierte ich Kassetten aus meiner LP Sammlung. Als Schüler kann man sich ja bekanntlich nicht so viel leisten.
Wir veranstalteten Parties, ohne sie zu melden, wir spielten unsere Platten von A bis Z,
und der Schulhof wurde mit den Ghettoblastern beschallt.

Ok, wenn die GEMA jetzt tätig werden will, muss ich sie enttäuschen: Ich bin AKM abgabepflichtig.
Und wenn die AKM jetzt tätig werden will, ebenfalls: Natürlich ist diese Story frei erfunden. Es gilt die Unschuldsvermutung und die Verjährungsfrist.

Langer Rede, kurzer Sinn: Mit dem Aufkommen der Kassettenrecorder startete die Musikindustrie eigentlich erst so richtig durch.
Ist auch logisch: Mundpropaganda war und bleibt die beste und qualitativste Werbung. Wenn ich meinen Freunden etwas empfehle, so verknüpfe ich diese Empfehlung zwangsläufig mit meiner Person.
Damals war das Kopieren übrigens aufwändig, und daher kopierten wir natürlich nur gute Songs.
Was sind wir abendweise vor dem Radio gesessen, und was haben wir uns geärgert, wenn der Moderator bei Radio Gaga in das Drum Solo reinquatschte. Wieviele „Zufallstreffer“ landeten auf unseren Kassetten, wie lange suchten wir, bis wir den Song fanden…

Ein anderes Beispiel: Microsoft hätte nie diesen Aufschwung gehabt, hätte es keine Raubkopien gegeben. – Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, als der Händler MS Office „so“ auf den Rechner kopierte, „wenn man keine Disketten benötigte“.
Das Resultat: Nahezu jeder Rechner hatte MS Office auf der Festplatte, niemand kam an dem Ding vorbei und nachdem die Raubkopien meistens uralt waren, kauften sich jene, die das Programm wirklich brauchten, die Lizenzen. Die wirklich Großen mussten ja soundso kaufen…

Natürlich kann man darüber spekulieren, aber dass der Siegeszug von Microsoft gerade in dem Moment abflaute als der Kopierschutz effektiv wurde, ist schon ein sonderbarer Zufall…
Ähnlich erging es Sony, als der bereits virenhafte paranoide Kopierschutz die legalen User aussperrte und für Raubkopierer kein Hindernis darstellte. 😉

Heute ist alles leichter geworden, und effektiver: Die Qualität der Kopien steigen direkt proportional zur Investition in Technik.
Allerdings ist der Aufwand, eine qualitative Raubkopie zu erstellen/erhalten, nicht gesunken. Es hat sich nur der Aufwand verändert: Die PC Ausrüstung ist nicht ohne und man arbeitet lange für das Geld. Man bezahlt einen Internetanschluss, benötigt Zeit oder Geld, für Virenschutz und Virenbeseitigung und verbringt die Stunden nicht mehr vor dem Radio, sondern in der Datenkrake, um die Spreu vom Weizen zu trennen.
Ich persönlich habe mir mal nachgerechnet, was mich eine Raubkopie in guter Qualität kostet.
Vorrechnen werde ich es hier nicht, aber ich kann euch versichern, dass die Rechnung eindrucksvoll meine Präferenz zum gekauften Produkt bestätigte.

Trotzdem ist das freie Internet ein Dorn im Auge der Unterhaltungsindustrie (und nicht nur der):
Bei der Menge produzierter Musik ist der Gewinn viel zu klein. (Beim Betrachten der Villen und des Fahrzeugparks der Manager frage ich mich natürlich: „Für wen genau?“)

Nun wird von „Leistungsschutzrecht“ bis „ACTA“ kräftig gerührt und argumentiert: Es gilt die Leistung der Urheber zu schützen, es gilt das Produkt zu schützen.
Jedenfalls wird abgemahnt, gedroht, beschuldigt, geklagt, Gesetze entworfen und zensuriert, was das Zeug hält.
Aber nicht Jeder spielt da mit.

Ich staunte nicht schlecht: Die Ärzte stellen „An Tagen, wie diesen“ einfach ins Netz. –
David Guetta stellt persönlich seine Songs auf Youtube.
Trotzdem verzeichnen diese Künstler keine schlechten Umsätze, oder?.

Trotzdem?
Oder: DESWEGEN?

Apropos Guetta. Es war eine interessante Anekdote:

Guetta verlinkt in seiner Fanpage ein youtube Video. – Wer allerdings in meinem Land drauf drückte, erhielt die Meldung: „Dieses Video enthält Content von EMI. Dieser Partner hat das Video in deinem Land aus urheberrechtlichen Gründen gesperrt. Das tut uns leid.“
HALLLOOOOOOOOO! „Content von EMI????“ – Ich dachte das Lied war von Guetta (& Friends) gemacht worden. :))))
Nach einem Aufreger mehrerer Leute auf Guettas Fanpage änderte sich glücklicherweise die Vorgangsweise des „Urhebers“ EMI.

Zurück zum Thema: Die Songs heute werden über youtube, facebook und twitter bekannt.
Leistungsschutzrecht? – Auch Werbung ist eine Leistung…

Wenn es nach der Unterhaltungsindustrie geht, genügt es nicht, wenn Du einen Song kaufst:
Wenn Du die CD am MP3 Player anhören willst, müsstest Du zahlen, für die Konvertierung. – Eine Konvertierung in Hochqualität? – Gibt es nicht.
Wenn Du den Song in deinem Hochzeitsvideo verarbeitest: Bitte zur Kassa…
„Niemand bezahlt *heul*“, sprach der Manager und stieg in seinen Mercedes.
Festplattenabgabe (egal ob Musik drauf ist, oder nicht), Rundfunkabgabe, Kopierabgabe, Veranstaltungsabgaben…
„Der Konsument sollte für jedes mal bezahlen, wenn er den Song konsumiert“. – Der nächste Schritt? – „…ob er den Song hören will, oder nicht!“.
Den Konsumenten zu zwingen, die angebotenen Casting-Fließbandproduktionen zu hören, wird auch notwendig sein…

Es gibt Künstler, die erfolgreich sind, und es gibt Künstler, die den richtigen Durchbruch nicht schaffen.
Es ist aber nicht so, dass Jene, die das Internet leer räumen lassen, die Tauschbörsenuser niederdrohen, -mahnen und -klagen, erfolgreich wären,
und Jene, die ihren Content tolerant behandeln oder sogar selbst ins Internet stellen die Loser darstellen.

Genau das Gegenteil ist der Fall:
Jene Künstler, die gute Musik produzieren und tolerant mit dem Internet umgehen, sind die Chartstürmer, während Andere – durchwegs auch qualitative Künstler – die der Zensur zuschreiben – nicht wirklich den Durchbruch schaffen…
Wer die Wirkung von Mundpropaganda erkennt, versteht auch schnell warum…

Ein kleines Beispiel:
Hubert von Goisern. – Brenna tuats guat: Ein Sturm durch Facebook, ein Sturm durch youtube und ein Sturm in die Charts.
Ein kleines Gegenbeispiel:
Reinhard Mey: „Vernunft breitet sich aus in der Bundesrepublik Deutschland“ – Zwar alt, aber passend und ich hätte ihn gerne in einer Diskussion eingesetzt. – Der Song hat das Zeug, aufgelegt werden zu können. – Mehr noch: Reinhard Mey hat viele Songs, die gerade heute die richtige Zeit hätten, wieder aufgelegt zu werden.
Leider: Das komplette Internet ist von diesen Songs befreit und so bleibt es eine Perle im Dunkeln, anstatt in Facebook „geshared“ zu werden.

Eines will ich klarstellen: Wer Musik herunterläd‘ und nichts für die Musik bezahlt, ist ein Schmarotzer und nennt den Künstler wertlos.
Ob diese Bezeichnung gerechtfertigt ist, oder nicht, ist eine Sache, die jeder mit sich selbst ausmachen muss.
Jedenfalls gibt es auch für mich Musik, die ich mir im Radio oder am MP3 Pool meiner Tochter mal anhöre, aber niemals kaufen würde.

Andererseits, wie anfänglich erwähnt, kann sich nicht jeder Musik in grenzenlosem Ausmaß leisten, auch wenn er den Künstler als sein Idol ansieht.
Warum sollte ich diese Gruppe, die nicht klein ist, aber der beste Werbeträger und langfristig die treueste Kundschaft, aussperren?
Microsoft verschenkte an diese Gruppen ihre Software, oder gab sie billigst her. (Universitäten, Provider) – Mit zunehmenden Umsatzeinbrüchen veränderte sich dies. – IMHO langfristig gesehen der Todesstoß, wenn auf den Unis plötzlich Linux verwendet wird, weil die Microsoft Lizenzen bezahlt werden müssten: Der Student von heute, ist der Unternehmer von morgen und der Bauer isst bekanntlich mal das, was er kennt…

Der Sicherheitsexperte Bruce Schneier beschrieb die Frage, die wir uns selbst stellen sollten, in einem anderen Zusammenhang: „Every cooperative system contains parasites. How do we ensure that society’s parasites don’t destroy society’s systems?“ (Jeder kooperatives System enthält Parasiten. Wie stellen wir aber sicher, dass die Parasiten nicht das gesellschaftliche System zerstören?)
Aber diese Frage wird nicht gestellt…

Es wird hingegen angeprangert, gedroht, abgemahnt, geklagt und eingeschränkt.
Der Konsument wird pauschal als Verbrecher abgestempelt. – Wie sonst kann man auf diese hirnrissige Idee kommen, auf einer gekauften DVD eine „Raubkopierer sind Böse“-Werbung aufzuspielen, die man (legal) nicht überspringen kann?????
Die Frage, die gestellt wird lautet: „Wie können wir die Verbrecher (die der Konsument anscheinend darstellt) zum Kauf zwingen?

Warum aber wird DIESE Frage gestellt?
Wenn man die Gesetzesentwürfe der letzten Jahre betrachtet, wird Einem schnell eines klar: Der Leistungsschutz ist eine willkommene Gelegenheit, andere Ziele mit zu verpacken.
So stellen die entworfenen Gesetze primär eines dar: Die Einschränkung von Privatsphäre mit gleichzeitiger Einschränkung von öffentlicher Kritik und die Aushebelung der Unschuldsvermutung für den Konsumenten.
Das geplante deutsche Leistungsschutzrecht stellt sogar das „ungewünschte Verlinken“ bereits als verbrechen dar. – Eine pauschale Kiminalisierung jedes Facebooklers, Bloggers oder Twitterers unter dem Vorwand, die „Leistung von Online Zeitungen“ zu schützen, mit dem Hintergedanken, bei Google abkassieren zu können.
Darum wird die Frage eben so gestellt, weil der Industrielle ein bedingungsloses Grundeinkommen erhofft, während der leistungslose Politiker hofft, durch die Einschränkung der Freiheiten einen bedingungslosen Machtanspruch zu erhalten.
Das Internet hat das „Informationsmonopol“ untergraben und zerstört damit nicht nur die „Rechte des Urhebers“, sondern vorwiegend die Möglichkeit der Meinungssteuerung.

So wurde – wenn man z.B. ACTA oder IPRED 2 betrachtet, die Urheberrechtsfrage längst zur Frage der persönlichen Freiheit, welche zum Wohle der Wirtschaft und Macht geopfert werden sollte.

Aber zurück zu den Raubkopierern…
Wenn der Raubkopierer nicht die Ursache für den Gewinnverlust sein kann, was dann?

Die Antwort stellt man fest, wenn man betrachtet, WAS kopiert wird:
Einfach alles.
Die meisten „Raubkopierer“ wissen nicht mal, was sie auf den Festplatten liegen haben, sie haben blos der Einfachheit halber die komplette Datenkrake heruntergeladen, weil die Analyse auf der Festplatte leichter fällt, als im Internet.
Ich führte mal mit einem Festplattenbesitzer ein bezeichnendes Gespräch:
Ich: „Du stehst auf Hansi H.?????“
Er: „Nein! Sicherlich NICHT!“
Ich: „Warum ist es dann auf deiner Festplatte?“
Er: „Es ist einfach drauf gerutscht“.
…Die Diskussion ging weiter und ich stellte fest: nur 20-50 Songs der ganzen Festplatte wurden genutzt!!!! Die Qualität ließ aber zu Wünschen übrig.
Ich: „Sag‘ mal: Das Zeug hier ist ja nicht mal Kassettenqualität. – Was machst Du mit dem?“
Er: „Ich hör‘ mir’s nur am Notebook an und da ist die Qualtiät ‚wurscht‘. – Daheim hab‘ ich das alles eh auf CD…“

Wir wollen unsere Musik dort hören, wo wir gerade Lust darauf haben.
Wir wollen unsere Musik mit Freunden teilen.
Das ist unser ersessenes „Menschenrecht“, auch wenn es der Industrie nicht schmeckt.
Jene Anbieter, die das akzeptieren, verkaufen auch ihre Produkte, denn der Konsument weiß Leistung zu schätzen.
Der Rest ist „Datenmüll“.

Auch ist es interessant, wer die Umsätzen noch macht…
Die verkaufstabellen konstruierten Castingkids unter Knebelverträgen und Junkfoodproduzenten sind’s jedenfalls nicht.

Das „Urheberproblem“, welches durch die Vergewaltigung der Gesetzgebung zum Freiheitsproblem wurde, kann man einfach lösen:
Weniger, dafür wieder individuelle Produkte.
Mehr Mut zum Risiko, Neulinge hochzubringen,
anstatt Musik mit Verkaufstabellen, Knebel-Anheizverträgen und Marketingkonzepten auf Mehrwertnummern-Votingbasis zu designen.

Am Ende gebe ich nämlich Paul David Hewson zu 100% recht, wenn er meint: „Echte Fans kaufen Musik“.
Und ER muss es wissen!!!!!!

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